Ist das Zölibat heute noch berechtigt?

Ist das Zölibat heute noch berechtigt?

Ist das Zölibat heute noch berechtigt - hat es doch viel Unheil verursacht

Zum vorliegenden Thema könnte die Überschrift auch lauten: „Verachtet die Liebe nicht. Entehrt das Zölibat die Schöpfung Gottes?“

In der Vergangenheit und in der Gegenwart war und ist das Zölibat sehr umstritten. Es gibt immer noch ein geistiges Umfeld, das von Unverständnis oder rigoroser Strenge geprägt ist. Über ein Jahrtausend hinweg wurde das sexuelle Erwachen – ausgehend von den Kirchen - irritierend negativ bewertet. Es galt als Übel, jedenfalls galt es nicht als Teil der guten Schöpfung Gottes, wie es der weiter unten erwähnte Professor Hubert Wolf formulierte. Es ist kaum zu glauben, dass es heute noch im 21. Jahrhundert Menschen gibt, die unter tiefsitzenden Gewissensängsten leiden und kein normales Verhältnis zur Sexualität finden. Diese Ängste gehen oft bis in die Kindheit zurück, weil die Sexualität von der Kirche verpönt und als Sünde dargestellt wurde. Es waren die Päpste, die aus falschem kultischen Reinheitsverständnis und vor allem aus finanziellen Erwägungen heraus im Jahre 1139 das Zölibat für alle katholischen Priester zur Pflicht machten. In Wirklichkeit bräuchten manche Kleriker und Priester keine „Zwangsjacke“, sondern dringend ethische Aufklärung darüber, was liebende Sexualität bedeutet, so wie es Erich Fromm in seinem Büchlein „Die Kunst des Liebens“ beschrieben hat.
Der schon genannte Prof. Dr. Hubert Wolf erklärte, das Zölibat für Priester sei weder historisch noch theologisch gerechtfertigt. Herr Wolf ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und lehrt an der Universität Münster. Weiter schreibt er über die willkürliche Zwangsverordnung zum Zölibat, dass es weder einen Auftrag von Christus noch ein anderes göttliches Gebot oder eine apostolische Anordnung gibt, die das Zölibat für Priester verbindlich vorschreiben würde. Leider hat das Zölibat über Jahrhunderte hinweg unendlich viel Leid verursacht. Denken wir nur an die vielen Missbrauchsfälle bis in unsere Zeit, die - wenn auch vielleicht nur indirekt - mit dem Zölibat in Verbindung gebracht werden müssen. Hier möchte ich auf das neueste Buch von Professor Wolf verweisen: „Zölibat - 16 Thesen“ erschienen im Verlag C.H. Beck München. Ich beziehe mich auf das Kapitel: „Das alte System ist am Ende.“ Hier lesen wir: „Die Abschaffung des Zölibats als Instrument des Machterhalts muss Teil einer grundlegenden Reform des hierarchisch klerikalen Systems sein. Die verpflichtende Ehelosigkeit ist ein Risikofaktor im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch durch Priester.“ Leider gibt es eine Vielzahl von Berichten über tiefe psychische Verletzungen, die im Zusammenhang mit klerikaler Macht zu sehen sind. Um zukünftig jeglichen Missbrauch zu verhindern, gilt es - wie Hubert Wolf schreibt - zunächst einmal die verkrusteten Strukturen aufzulösen. Anerzogene Gewissensängste – hervorgerufen durch überzogene Moralvorstellungen - verhindern die Entwicklung einer freien und liebesfähigen Person (Ich-Findung). Die Generationen übergreifende Kette von Schuldgefühlen und Gewissensängsten muss durchbrochen werden.

Im Folgenden geht es um ein Traumbild, das diese Thematik und deren Folgen verdeutlichen kann:
Ein junger Mann – so wird berichtet - stand stumm und regungslos am Rand einer blühenden Blumen- wiese. Eine etwa gleichaltrige Frau kam in Freudensprüngen auf ihn zu. Doch im letzten Moment erschrak sie, wandte sich ab und entfloh aus dem Traumbild. Die junge Frau hatte anscheinend erkannt, dass der Mann unfähig war, ihre Liebe zu erwidern. Wer die tiefe Bedeutung dieses Traumbildes verstehen will, der betrachte die zwei völlig unterschiedlichen Bilder dieses Traums: Das eine zeigt eine in gesunder Lebensfreude hüpfende junge Frau auf einer Blumenwiese, ein Symbol für Lebensfreude. Dem gegenüber erkennt man eine in sich erstarrte krankhafte Person, der es nicht möglich ist, die ihm entgegenkommende Liebe anzunehmen. Anerzogene zu strenge Moral war wohl der Grund für dieses Unvermögen. Dieses Traumbild zeigt deutlich, wie Geist und Psyche nicht erst durch die Übergriffe gelähmt werden, sondern schon im Kindesalter durch eine engherzige Erziehung traumatisiert werden können. Man weiß heute, dass falsche Lehren - über Generationen hinweg von herzlosen Klerikern oder Erziehern vermittelt – ernste Folgen haben können: Geist und Psyche werden gelähmt! Aus dem hier geschilderten Traumerlebnis lässt sich auch von uns Laien erkennen, dass sich der Träumende plötzlich einer ungetrübten Lebensfreude gegenübersah, die er bisher selbst nicht hatte verwirklichen können.

Schon Hippokrates berichtete, dass durch falsches Gedankengut nicht nur der Geist, sondern auch die Physiognomie des Menschen gelähmt werden kann. Falsche Lehren wurden damals von dem berühmten Arzt der Antike als krankmachend beschrieben. Wenn eine Lehre mit solch einer Forderung, wie sie das Zölibat darstellt, die Glaubenswilligen – genauer gesagt, deren Führungs- Persönlichkeiten - in eine krankmachende Zwangsstruktur versetzt, so ist diese Lehre als Irrlehre zu bewerten. Eine solche „Lehre“ steht im krassen Gegensatz zu der Lehre Jesu, durch die uns Anmut und Würde zuteilwird.

Zu den Reformvorhaben des „Synodalen Weges“ müssen den Worten des Propheten Jesaja (57,14) entsprechende Taten folgen: „Hebet die Anstöße aus dem Wege meines Volks!“, wobei man für das Wort „Anstöße“ auch „Zölibat“ setzen könnte. Es darf daran erinnert werden, dass die Priester nach den Worten des Apostels Paulus die Aufgabe haben, den christlichen Glauben zum „Wohlgeruch der Erkenntnis“ werden zu lassen (2 Kor 2,14-16, Einheitsübersetzung 2016). Doch die Vergangenheit zeigt es deutlich: Das Tun der Kirchenoberen hat nicht zu einem „Wohlgeruch“ der christlichen Lehre geführt. Der katholische Theologe Professor Wucherpfennig bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, „Wir müssen den Blick mehr auf die Bibel richten.“ Und gerade im Hinblick auf das Zölibat, das aus finanziellen Gründen (Sicherung der Kirchenpfründe) eingeführt worden war, muss man hervorheben: Das Wort Gottes darf nicht verfälscht werden, „Denn wir sind nicht wie die vielen, die das Wort Gottes verfälschen“, so heißt es weiter bei 2 Kor 2,17.

Die Bestrebungen des Synodalen Weges beinhalten auch die sogenannte Frauenfrage. Da sieht auch Herr Professor Wucherpfennig „viel Spielraum nach oben, der bislang nicht ausgeschöpft sei“. Es lässt erkennen, welch große Bedeutung die Frau in der Schöpfung hat. Sie ist die schöpferische und Leben spendende Kraft in unserer Welt. Wenn die katholische Kirche die Bedeutung der Frau nicht besser bewertet, so braucht man sich nicht zu wundern, wenn immer mehr Frauen unter der Bezeichnung „Maria 2.0“ aufbegehren. Es ist hervorzuheben, dass es vor allem Frauen sind, die sich nicht mehr durch Forderungen einschüchtern lassen, so sie doch nach biblischer Lehre handeln.
Der Gottesmutter wird hohe Ehre erwiesen, die sich selbst als Dienerin des Herrn sah. Vergessen wir dabei nicht, dass die Frauen in unserer Zeit in ihren Entfaltungsmöglichkeiten gerade von der katholischen Kirche massiv benachteiligt werden. Und das ist überhaupt nicht gut. Nach diesen Erkenntnissen braucht die Kath. Kirche dringende Veränderungen, die den Menschen der Gegenwart gerecht werden.

Reinhold Armbruster-Mayer, Ulm
04.01.2021

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